"Schweig mich nicht so an!"

Normalerweise kennen wir diesen Ausruf eher anderes, wenn einer dem Anderen zuruft, er solle in einem Konflikt nicht laut werden.

Schweigen kann in Kindern, Teens und Erwachsenen ebenso große Wunden verursachen, wie ungeschickt gewählte Worte.

 

Wie?

Das Nicht-Melden bei Krankheit oder Verlust kann bei dem Betroffenen das Gefühl von Einsamkeit auslösen.

Das Nicht-Reagieren bei Trotzanfällen, Eigensinn oder Bockigkeiten von Kleinkindern kann ein Gefühl von Ohnmacht und Verlassenheit auslösen.

Das Nicht-Aussprechen von Gefühlen kann Distanz vergrößern.

Das Nicht- Nachfragen bei Streit führt zu tiefen Gräben.

Das Nicht-Begrüßen kann das Gefühl am Rand zu stehen vertiefen.
 
Das Nicht-Mitreden am Esstisch oder bei ner Party kann den Eindruck auslösen man sei arrogant/ unsicher/ uninteressant.

 

Schweigen hinterlässt eine Irritation, die sogar dazu führen kann, dass sich Missverständnisse auftürmen und Beziehungen geschädigt werden.
 
Ich habe einmal eine Mutter begleitet. Die Kinder waren sehr hungrig nach Tobespielen, auf dem Schoss sitzen, Nacken kraulen. Leider bei Fremden. Sie waren anhänglich, wollten Geschenke. Alles in allem süß, aber leider waren sie ausgehungert nach Nähe. Die Eltern waren beide so Schweigefüchse. Freundlich, still, nett. Bei Wutausbrüchen haben beide Kinder extrem reagiert und sehr wenig sozial Verhalten an den Tag gelegt (nicht teilen, beleidigen, den Anderen verletzten).
Jeder im Raum konnte spüren, dass die Kinder nicht nur eine klare " Ansage" brauchen, sondern einen Wortschwall. Beim essen wurde geschwiegen, oder geseufzt, wenn die Kinder nicht essen wollten. Gesprochen wurde nicht.
Ich habe dann aus Verzweiflung und Unwissenheit einen Dialog skizziert als Beispiel:
alle am Tisch
Abendessen
Eric schlägt mit dem Messer auf den Tisch. Erste Dellen werden sichtbar
" Lass das" kommt vom Vater
Janne will nicht essen und weint.
Schweigen
Eric zerhackt sein Brot mit dem Messer "Fertig!" sagt er.
Er steht auf
Janne auch
die Eltern seufzen- " wir können sie ja nicht zwingen!"
 
alle am Tisch
Abendessen
Eric schlägt mit dem Messer auf den Tisch.
Vater: " Eric, leg das Messer jetzt zur Seite!" Eric ignoriert die Aufforderung. Der Vater legt seine Hand auf Erics Knie. Eric macht weiter. Der Vater sucht den blickkontakt, nimmt das Messer und sagt leise und bestimmt: "Ich mag die Zeit mit euch jetzt. Dabei ist es schöner, wenn wir uns nicht streiten. Sieh auf den Tisch. Das ärgert mich sehr, wenn du Dellen hineinschlägst!"
Falls Eric aufstehen will, legt der Vater wieder die Hand auf das Knie.
Janne will nicht essen und weint.
Mutter: "Janne, du weinst, weil du kein Brot essen willst. Bei uns ist ein Brot am Abend Pflicht(*)Was können finden, damit du es richtig gern magst?"
Janne jammert
Mutter legt ihre Hand auf Jannes Knie, sieht sie an "Du bist ko von diesem tollen Tag. Erzähl mal Papa, wie schnell du Roller fahren kannst!" Als Janne von ihrer Fahrt berichtet, legt die Mutter ihr eine Gurke und eine kleine Salami auf ein Brot. Janne darf sich eine Ecke aussuchen.
 
Ja- Sprechen ist das Instrument von Erziehung. Schweigen regelt nichts.
 
Nun: zurück zur Beispiel-Familie. Vater und Mutter nickten und sagten: " Ja! Wir reden den ganzen Tag!" ich grinste dümmlich und traute mich nicht verletzend zu rufen: NÖÖÖÖ tut ihr nicht...
Für Menschen, die eher wenig Sprache brauchen, ist es fordernd Kinder zu erziehen.
Beide dachten sie reden viel, sie gaben aber ihren Kindern zum Orientieren zu wenig.
Jeden Tag noch mehr Worte nutzen als Gedacht! Mehr!
 
 
Auf unserem Esstisch steht ein Kartenspiel. Oft greift Tarik hinein und wir alle sind durch die Frage aufgerufen Worte zu finden, unsere Unterschiedlichkeit wahrzunehmen. Wir erleben dabei, wie der Andere spricht und wie wir darauf reagieren und üben so nebenbei das Argumentieren und das Akzeptieren des Anderen.

 

Die verkürzte Art des Austauschs durch Whattsapp und Snapchat lässt die Eltern, ihre Kinder und Jugendlichen verstummen. Wir finden eher ein lustiges Video in unserem Handy, als ein liebvolles gesprochenes Wort. Da können z.B. Familien echt schwere Zeiten durchleben und auf die Nachfrage kommt nur ein Schulterzucken und die Antwort „Haben wir nicht drüber gesprochen…ich weiß ja nicht, ob sie das will!“.

In die Kindheit gehören Themen mit Emotionen wie Trauer, Wut, Verlust, Freude, Neid und Angst. Alle Kinder sollte über Gottes Ideen zum Thema Sex, Tod und Rockn Roll ( passt grad so gutJ) hören- dazu braucht es Worte der Eltern.

 

 

Wie wäre es den Sommer bewusst zum Miteinander sprechen üben zu nutzen?

Tagebuch- mit gemalten oder geschriebenen Stichpunkten halten wir als Paar oder Familie Tage, Stimmungen, Wetter, Menschen und Essen fest. Jeden Tag ein bisschen. Einfach, weil es toll ist in einigen Jahren das Sommertagebuch zu vergleichen.

Fragespiele- am Büchertisch gibt es dazu Hinweise, oder einfach selber herstellen: wir hatten in einigen Jahren bis zu 100 Fragen selbst auf Zettel geschrieben und in eine Kiste gelegt. Die wurde bei jedem Fest oder Besuch genutzt.

Lesezeit-wie wäre es ein Buch zusammen zu lesen und dabei jeden Tag zusammen zu sein? Zu üben, dass jemand spricht und alle hören zu, bleiben sitzen?

Selfie mal anders- jeden Tag schicken sich die Familienmitglieder per Handy in den Ferien ein Bild, ein Bibelvers und schreiben dazu, warum das Bild heute zu ihnen passt.


Und ich- ich lege grad bewusst mein Handy zum Schlüssel- ausserhalb von Ess und Wohnzimmer...






*jede Familie hat ihr Recht auf eigene Regeln. bei uns gab es zb Marmelade am Abend, bei anderen nicht. Aber ein Brot, eine Kartoffel oder Nudeln-waren Pflicht!

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